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Lampenfieber oder Trauma? Warum Musiker ihr Nervensystem regulieren müssen, um frei zu spielen

  • 22. Mai
  • 4 Min. Lesezeit

Weißt Du noch, wie sich das angefühlt hat?


Das Vorspielen in der Musikschule als Kind, bei dem die Lehrerin nach einem Fehler wortlos aufgestanden ist, Dir den Rücken zugedreht hat und Dich minutenlang in einer eisigen Stille sitzen ließ. Der Moment im Studium, als der Professor Dich mitten in einer schwierigen Passage abbrach, Dich sekundenlang wortlos fixierte und vor den Augen Deiner Kommilitonen nur trocken sagte: „Lass es einfach, das wird heute nichts mehr.“ Oder der Dienst im Profiorchester, wo der Dirigent das gesamte Tutti stoppt, dich eine Stelle dreimal alleine spielen lässt und danach gar nichts zu Dir sagt – sondern nur demonstrativ den Kopf schüttelt und mitleidig zur Stimmführung schaut.


Manchmal braucht es nicht mal den Musikkontext. Es reicht das Aufwachsen in einer Familie, in der Liebe an Leistung geknüpft war oder in der die Stimmung der Eltern so unberechenbar war, dass man als Kind permanent die Antennen ausfahren musste, um bloß keinen Fehler zu machen.


Wir verbuchen das oft als „normalen Druck“ oder „harte Schule“. Aber für unser Nervensystem waren diese Situationen etwas ganz anderes: ein Schock- bzw. Bindungs- und Entwicklungstrauma. Eine massive Überforderung – plötzlich, unvorhersehbar und zutiefst entwürdigend.


Ich kenne das aus meiner eigenen Biografie nur zu gut. Ich hatte in meinem Leben mehr solcher Situationen, als ich lange Zeit wahrhaben wollte. Lange dachte ich, ich hätte das alles hinter mir gelassen – vom Kopf her zumindest. Ich hatte es analysiert, verstanden und abgehakt. Und trotzdem musste ich irgendwann schmerzhaft feststellen: Sobald ich in bestimmte Probenräume trat oder ein Dirigent einen bestimmten, scharfen Ton anschlug, war mein Körper längst im Alarmmodus, bevor mein Kopf überhaupt reagieren konnte. Enger Brustkorb. Flachere Atmung. Dieser leise, aber unverkennbare Impuls, sich innerlich unsichtbar zu machen.


Das Nervensystem hat nämlich keine innere Uhr. Es weiß nicht, dass das Vorspielen zwanzig Jahre oder die Kindheit ein halbes Leben her ist. Es speichert den Kontext ab und schlägt Alarm, um Dich zu schützen.



Ich weiß doch, dass mir heute nichts passiert – warum zieht sich trotzdem alles zusammen?


„Trauma ist eine Frage der Biologie, nicht der Psychologie. Es findet im Körper statt,

nicht im Verstand.“ – Peter Levine


In meiner Arbeit mit Musikern höre ich fast täglich den Satz: „Aber das ist doch schon ewig her. Das muss ich doch mal überwunden haben!“

Um zu verstehen, warum uns der Körper in solchen Momenten scheinbar im Stich lässt, hilft ein Blick auf unser Gehirn. Wir besitzen evolutionär gesehen drei Gehirnteile: Den denkenden Neokortex (unseren Verstand), das emotionale limbische System und das uralte Reptiliengehirn, das für unsere Überlebensreflexe zuständig ist.


Wenn wir damals in der Musikschule oder im Orchester diese überwältigenden Momente erlebt haben, hat das Reptiliengehirn blitzschnell das Kommando übernommen. Es schaltet in solchen Stressmomenten den rationalen Verstand schlichtweg aus. Weil das Nervensystem Erlebnisse rein körperlich abspeichert, reagiert es heute in ähnlichen Situationen (Bühne, Probenraum, kritische Blicke) sofort wieder mit denselben alten Überlebensreflexen – völlig egal, wie viel wir rational darüber wissen.


Du funktionierst auf der Bühne, aber innerlich brennt die Luft


Das eigentliche Problem ist ja: Damals konntest Du in der Situation nicht flüchten, nicht aufstehen und den Raum verlassen. Du musstest weiterspielen. Funktionieren.

Die enorme Stressenergie, die Dein Körper in Sekundenschnelle mobilisiert hat, ging nirgendwo hin. Sie blieb im System stecken – im Gewebe, im Zwerchfell, in der Art, wie sich Deine Schultern reflexartig hochziehen, sobald Du das Instrument auspackst.


In der modernen Traumaarbeit vergleichen wir ein solches blockiertes Nervensystem gerne mit einem Auto: Manchmal bleibt das System auf „AN“ stecken. Das ist das Dauer-Gaspedal: Herzrasen, Zittern, unkontrollierte, rasende Gedanken im Moment des Spielens. Manchmal wirft es aus purem Überlastungsschutz die Notbremse und bleibt auf „AUS“ stecken.


Das ist der klassische Freeze-Zustand: plötzliche Blackouts auf der Bühne, Taubheitsgefühl in den Fingern oder das Gefühl, wie versteinert zu sein und gar nicht richtig im eigenen Körper anwesend zu sein. Und oft erleben Musiker beides gleichzeitig – als würde man Gaspedal und Bremse mit aller Kraft gleichzeitig durchtreten. Der innere Verschleiß für Körper und Seele ist immens.


Viele versuchen dann, das mit mentaler Stärke oder noch mehr Disziplin weg zu trainieren. Aber damit übertönt man die Signale nur, bis die Verbindung zum eigenen Körper immer dünner wird.


Wenn die alte Ladung geht, kommt die Musik zurück


Heute weiß ich: Man kann das mit dem Nervensystem neu verhandeln. Ich habe diesen Weg selbst hinter mir und bin ihn mit unzähligen Klienten gegangen. Wenn wir dem Körper zeigen, dass die Gefahr von damals vorbei ist, löst sich diese alte Ladung.


Was sich dadurch verändert?


Du kommst endlich in Deinem eigenen Körper an. Du musst nicht mehr vor irgendwelchen Symptomen wegrennen. Indem sich die Blockaden lösen, beruhigt sich alles in Dir, und damit geht auch die Auftrittsangst. Es ist, als würde ein ständiges, unterschwelliges Rauschen im Hintergrund endlich verstummen. Du merkst es daran, dass Du vor dem Auftritt im Backstage-Bereich sitzt und einfach einatmest, ohne dass dieses enge, klebrige Gefühl in der Brust hochkommt. Du bist einfach da.


Das wirkt sich so sehr auf das Musizieren aus. Nicht nur, weil Du Dich viel besser ausdrücken kannst, sondern weil Du Dich im Körper befreit fühlst und in schwierigen Situationen einfach viel weniger hochfährst. Dein Selbstwert hängt plötzlich nicht mehr davon ab, wie die Probe läuft oder welcher Blick Dir vom Pult aus zugeworfen wird.


Wenn Du tiefer in diese Zusammenhänge eintauchen willst, habe ich eine kostenfreie Masterclass, in der ich genau das durchgehe – wie sich diese alte Ladung körperlich zeigt und was es braucht, damit sie sich löst. Du kannst sie Dir anschauen, wann es Dir passt.


 
 
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