Auftrittsangst bei Musikern - was wirklich hilft und was (oft) nicht
Aktualisiert: 10. Okt.
Herzrasen, zitternde Hände, flache Atmung, Druck im Bauch – und das Gefühl, am liebsten wegrennen zu wollen. Eigentlich machen wir Musik, um Freude daran zu erleben und diese mit anderen zu teilen. Warum gelingt uns das auf der Bühne manchmal nicht?
Ich weiß aus eigener Erfahrung, wie quälend Auftrittsangst sein kann. Obwohl ich auf höchstem musikalischem Niveau spielte und technisch hervorragend vorbereitet war, hatte ich vor bestimmten Auftritten massive Angst – bis hin zu regelrechter Todesangst.
2009 erreichte meine Angst während meines Studiums in Wien einen Höhepunkt. Nach einer schweren Panikattacke begann für mich die absolute Hölle. Fast zwei Jahre lang fühlte ich mich in meinem eigenen Körper gefangen, konnte kaum essen oder schlafen und musste sogar Konzerte absagen.
Meine Therapeutin warnte mich damals, dass ich diesen Zustand möglicherweise nicht überleben würde, wenn ich nichts veränderte.
Ich habe über viele Jahre unzählige Methoden und therapeutische Ansätze ausprobiert. Manche halfen mir, viele kaum oder überhaupt nicht. Heute begleite ich selbst Musiker mit Auftrittsangst und erlebe immer wieder, dass sie trotz intensiver Vorbereitung und jahrelanger Arbeit an sich selbst nicht aus ihrer Angst herausfinden.
Warum ist das so? Und was braucht es wirklich, damit sich etwas verändern kann?
Was hilft bei Auftrittsangst bei Musikern wirklich?
Wenn wir unter starker Auftrittsangst leiden, versuchen wir meist, sie irgendwie in den Griff zu bekommen. Wir üben noch mehr, versuchen positiv zu denken, uns zu entspannen oder uns einfach zusammenzureißen.
Doch was, wenn all das nicht ausreicht?
Aus meiner Erfahrung ist es bei starker Auftrittsangst entscheidend, den Körper und das autonome Nervensystem mit einzubeziehen. Denn Angst spielt sich nicht nur in unseren Gedanken ab. Sie zeigt sich unmittelbar im Körper: durch Herzrasen, Zittern, Atemveränderungen oder das Gefühl, die Kontrolle zu verlieren.
Unser Nervensystem reagiert dabei auf eine Situation, die es als bedrohlich wahrnimmt – auch wenn wir mit unserem Verstand wissen, dass wir auf der Bühne nicht in wirklicher Gefahr sind.
In meiner Arbeit erlebe ich immer wieder, dass hinter diesen Reaktionen auch frühe Beziehungserfahrungen und unbewusste Schutzstrategien stehen können. Gerade die ersten Lebensjahre prägen wesentlich mit, wie wir Sicherheit, Kontakt und Stress erleben. Wer beispielsweise früh gelernt hat, dass Fehler mit Ablehnung oder Beschämung verbunden sind, kann später auf der Bühne unter enormen inneren Druck geraten.
Deshalb geht es mir nicht nur darum, die Symptome kurzfristig zu beruhigen. Ich möchte mit Musikern daran arbeiten, dass sie mehr innere Sicherheit entwickeln, ihre körperlichen Reaktionen besser regulieren können und alte Schutzstrategien allmählich weniger notwendig werden.
Manchmal braucht es dafür zunächst Stabilität und Ressourcen. Denn der gut gemeinte Rat „Stell dich einfach deiner Angst“ kann überfordernd sein, wenn jemand bereits bei dem Gedanken an einen Auftritt in Panik gerät.
Es geht nicht darum, jede Nervosität zu beseitigen, sondern darum, wieder mehr Sicherheit, Vertrauen und Freiheit beim Musizieren zu erleben.

Warum Mentaltraining bei Auftrittsangst oft nicht ausreicht
Warum Mentaltraining bei Auftrittsangst manchmal nicht ausreicht
Zu mir kommen immer wieder Musiker, die bereits Mentaltraining ausprobiert haben. Sie haben gelernt, ihre Gedanken zu verändern, sich erfolgreiche Auftritte vorzustellen oder sich mit positiven Sätzen zu beruhigen. Trotzdem erleben sie auf der Bühne weiterhin massive Angst.
Warum ist das so?
Mentaltraining kann durchaus hilfreich sein. Es kann uns beispielsweise dabei unterstützen, uns besser zu konzentrieren, mit Fehlern umzugehen oder uns auf einen Auftritt vorzubereiten.
Doch wenn unser Nervensystem in einer Auftrittssituation mit starker Angst reagiert, sind diese Strategien manchmal nicht mehr ausreichend zugänglich.
Vielleicht kennst du das: Du weißt ganz genau, dass du gut vorbereitet bist und eigentlich nichts Schlimmes passieren kann. Trotzdem rast dein Herz, deine Hände zittern und du kannst dein Können plötzlich nicht mehr abrufen.
Aus meiner Erfahrung reicht es deshalb bei starker Auftrittsangst häufig nicht aus, nur an den Gedanken zu arbeiten. Es ist wichtig, auch die körperlichen Reaktionen und die dahinterliegenden Schutzstrategien zu verstehen und einzubeziehen.
Denn wirkliche Veränderung bedeutet für mich nicht, die Angst mit noch mehr Willenskraft zu kontrollieren, sondern nach und nach mehr innere Sicherheit zu entwickeln.
Welche Rolle spielen frühe Bindungserfahrungen bei Bühnenangst?
Welche Rolle spielen frühe Bindungserfahrungen bei Bühnenangst?
Aus meiner Erfahrung liegen hinter starker Auftrittsangst häufig tief verwurzelte Muster, die weit über die eigentliche Auftrittssituation hinausgehen.
Gerade unsere ersten Lebensjahre sind prägend dafür, wie wir Sicherheit, Nähe und Beziehungen erleben und wie wir mit Stress umgehen. Wenn wir beispielsweise früh erfahren haben, dass wir nur dann Anerkennung bekommen, wenn wir etwas besonders gut machen, oder dass Fehler mit Kritik, Ablehnung oder Beschämung verbunden sind, kann das langfristige Auswirkungen haben.
In der körperorientierten Traumaarbeit sprechen wir in diesem Zusammenhang auch von Bindungs- und Entwicklungstrauma. Dabei geht es nicht unbedingt um einzelne dramatische Ereignisse, sondern häufig um wiederholte belastende Beziehungserfahrungen, die unsere Entwicklung beeinflusst haben.
Oft sind uns diese Zusammenhänge überhaupt nicht bewusst.
Auf der Bühne können sie sich beispielsweise durch Perfektionismus, starke Selbstkritik oder das Bedürfnis zeigen, alles kontrollieren zu müssen. Was ursprünglich einmal dazu gedient haben könnte, uns vor Ablehnung oder Beschämung zu schützen, erzeugt heute möglicherweise enormen Druck.
Und obwohl wir als Erwachsene wissen, dass ein falscher Ton keine wirkliche Gefahr darstellt, reagiert unser Körper manchmal mit intensiver Angst.
Das bedeutet nicht, dass jede Auftrittsangst auf ein frühes Trauma zurückgeht. Aber gerade bei Musikern, die trotz guter Vorbereitung und vieler Auftritte immer wieder massive Angst erleben, lohnt es sich aus meiner Sicht, auch diese tieferliegenden Zusammenhänge anzuschauen.
Warum Psychotherapie bei Auftrittsangst oft nicht ausreicht
Warum Psychotherapie bei Auftrittsangst manchmal nicht ausreicht
In meiner Arbeit begegne ich immer wieder Musikern, die bereits viele Jahre Psychotherapie hinter sich haben. Sie haben ihre Geschichte aufgearbeitet, verstehen ihre Ängste und wissen oft genau, welche Gedanken und Verhaltensmuster ihnen im Weg stehen.
Und trotzdem stehen sie vor dem nächsten Konzert wieder mit Herzrasen, Zittern oder Panik auf der Bühne.
Manche berichten sogar, dass bestimmte therapeutische Erfahrungen ihre Ängste noch verstärkt haben.
Was fehlt hier?
Aus meiner Erfahrung reicht es bei tief verwurzelter Auftrittsangst häufig nicht aus, nur über die eigenen Probleme zu sprechen, Gedanken zu verändern oder am Verhalten zu arbeiten.
Denn selbst wenn wir unsere Angst längst verstanden haben, bedeutet das nicht automatisch, dass sich auch unsere körperlichen Reaktionen verändern.
Genau hier setzt meine körper- und nervensystemorientierte Arbeit an. Mit Ansätzen aus NARM und Somatic Experiencing beziehe ich nicht nur Gedanken und Gefühle ein, sondern auch die Reaktionen des autonomen Nervensystems und die Schutzstrategien, die sich aus früheren Erfahrungen entwickelt haben können.
Dabei spielt auch die Beziehung zwischen Klient und Begleiter eine wichtige Rolle. Ein sicherer, wertschätzender Kontakt kann helfen, sich selbst und die eigenen Reaktionen anders wahrzunehmen und neue Erfahrungen zu machen.
Ich habe in meiner Arbeit erlebt, dass Musiker, die zuvor jahrelang kaum weitergekommen waren, bereits nach wenigen Sitzungen spürbare Veränderungen erfahren haben.
Das bedeutet nicht, dass Psychotherapie grundsätzlich nicht hilft. Es gibt unterschiedliche therapeutische Verfahren, die bei Ängsten wirksam sein können.
Entscheidend ist aus meiner Sicht, dass der Ansatz zum Menschen und zu seinen Schwierigkeiten passt.
Für mich war die entscheidende Erkenntnis, dass wir Auftrittsangst nicht nur verstehen, sondern auch auf der körperlichen Ebene und im Erleben von Sicherheit und Beziehung berücksichtigen müssen.
Fazit: Wieder mit Freude und Freiheit musizieren
Auftrittsangst ist nicht einfach eine Frage von mangelnder Vorbereitung, fehlender Disziplin oder negativen Gedanken. Gerade wenn die Angst sehr stark ist, lohnt es sich, genauer hinzuschauen, was dahintersteckt.
Aus meiner eigenen Geschichte und meiner Arbeit mit Musikern weiß ich, wie viel sich verändern kann, wenn wir nicht länger nur versuchen, unsere Angst zu kontrollieren, sondern beginnen, unsere körperlichen Reaktionen und die dahinterliegenden Schutzstrategien zu verstehen.
Wenn wir wieder Zugang zu unserer Freude und unserem freien musikalischen Ausdruck finden möchten, brauchen wir auch ein Gefühl von Sicherheit in unserem Körper.
Denn letztlich geht es nicht darum, auf der Bühne perfekt zu funktionieren, sondern darum, wieder mit uns selbst, der Musik und unserem Publikum in Kontakt zu kommen.
Du möchtest besser verstehen, warum dein Körper bei Auftritten mit Angst reagiert und was du verändern kannst?
In meinem kostenlosen Webinar zeige ich Dir, welche Zusammenhänge bei Auftrittsangst häufig übersehen werden und wie Du beginnen kannst, einen anderen Umgang mit deiner Angst zu entwickeln.


